Vorsicht bei kritischen Direkt-Tweets an „verifizierte Accounts“

Wir kennen sie alle: Die von Twitter „verifizierten Accounts“ mit dem „blauen Haken“ nach dem Accountnamen. Sozusagen: Die „Elite“ der Twitterer.

Diese Accounts sollen „Authentizität“ und „Exklusivität“ für „Personen, Unternehmen und Institutionen von öffentlichem Interesse“ ausstrahlen. Darüber hinaus scheint es noch weitere „Bevorzugungen“ zu geben, wie laufende Recherchen zum Thema Shadowban ergeben haben:  Offenbar werden solche Accounts auch bei Beschwerden, die diese Accounts an Twitter senden, bevorzugt behandelt und führen vermutlich auch zu einer recht schnellen „Shadowban“-Bestrafung seitens Twitter. Dies kann schnell passieren, wenn man an solche Accounts einen „kritischen Tweet“ schreibt, der dem Empfänger so gar nicht gefällt.

Diverse Versuche haben in den Aufzeichnungen ergeben, dass ein „Shadowban“ recht schnell eintritt, wenn sich der Inhaber solcher Accounts offenbar über die Funktion „Tweet melden“ bei Twitter beschwert. Dies resultiert in der Regel in einem „Shadowban“, der den Aufzeichnungen zufolge exakt 24 Stunden andauert. Wie zu erwarten, haben hingegen „lobende“ Tweets an solche Accounts bislang noch nie einen „Shadowban“ ausgelöst.

Hier ein Beispiel mit einem kritischen Direkt-Tweet an „SAT1“ – Inhaber eines verifizierten Accounts (blauer Haken):

Kurz nachdem dieser Tweet am 01.01.2018 gepostet wurde, schlug nach ca. einer Stunde der „Shadowban“ zu, ohne dass in der Zwischenzeit direkte oder kritisch anmutende Tweets gesendet wurden.

Damit dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit feststehen, dass der Empfänger des entsprechenden Tweets eine Aktion durchgeführt hat. Ich möchte hier „SAT1“ oder den anderen Accounts, mit denen ich getestet habe – vorrangig aus dem Medien- und Verbrauchsgüterbereich – gar keinen Vorwurf machen. Jeder hat das Recht sich über an ihn gerichtete, kritische Tweets zu beschweren. Auch wenn es gerade aus solchen Accounts heraus wenig professionell erscheinen würde. Da wäre es doch einfacher einfach eine Antwort oder Stellungnahme zu twittern. Aber das ist diesen gewerblichen „Premium-Accounts“ offenbar zu aufwendig und zu teuer.

Kritisch zu betrachten ist jedoch die Reaktion von Twitter, denn es ist fraglich, ob eine solche „Beschwerde“ rechtfertigt, Bestrafungen für den kritischen Twitterer zu verhängen, zumal in den meisten Fällen überhaupt kein Verstoß gegen die Twitter-Regeln erfolgt ist. Hier scheint Twitter doch recht wenig – oder bei Beschwerden aus diesen V.I.P-Accounts heraus gar keinen? – Prüfaufwand zu betreiben oder die „Algorithmen“ versagen auch hier – wie so oft bei Twitter. Ich jedenfalls konnte in dem o.a. Tweet keine Beleidigung, Hass oder sonstige Zusammenhänge erkennen, die gegen die Twitter-AGB oder sonstiges Recht verstoßen. Die Reaktion erfolgte offenbar ganz einfach aufgrund einer banalen Beschwerde, wobei es durchaus sein kann, dass auch der „Score“ des Nutzers eine Rolle spielt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass ich „verifizierte Accounts“ noch NIE in einem Shadowban feststellen konnte.

Ich rate also dazu, kritische Tweets möglichst nicht direkt – also mit „@Accountname“ zu schicken. Ist der Empfänger „empfindlich“ und beschwert sich über die Meldefunktion bei Twitter, kann das Resultat in einem „Shadowban“ enden.

Zukünftig werden wir uns bei Twitter wohl auf noch deutlichere Einschränkungen einstellen müssen. Denn seit dem 01.01.2018 ist das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ – kurz NetzDG – in Kraft. Wie auch SPIEGEL-Online berichtet, werden immer mehr Tweets in Deutschland unsichtbar gemacht, Accounts mit Schreibsperre versehen oder gleich ganz gesperrt. Ob das im Sinne einer eigentlich durch das Grundgesetz garantierten „freien Meinungsäußerung“ ist, wage ich mal derzeit zu bezweifeln. Offen gestanden: Noch nie habe ich mich in meiner durch und  wie Twitter so eingeschränkt gefühlt, wie heute!

Ich möchte auch an dieser Stelle nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, dass dies natürlich alles nur Vermutungen und keine Tatsachen sind, denn die können letztendlich eh keine Außenstehenden – wie wir „normalen Twitter-User“ – beweisen oder gar nachweisen, solange Twitter jegliche Kommunikation zur Thematik „Shadowban“ ablehnt. Wir können nur Fragen stellen, die Twitter leider nicht beantwortet. Transparenz geht anders….

Nachtrag 04.01.2018:
Auch heute hat es mich seit 14:55 Uhr mit dem Account asteinbs wieder erwischt. Ich überlasse es meinen Lesern zu beurteilen, ob auf meiner Timeline irgendetwas getwittert wurde, was Grund zu einer Beanstandung geben würde. Auslöser könnte heute Herr Macron oder die CSU gewesen sein.

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